Schöne, neue Welt – Bitte Code eingeben
Die Welt im Internet entgleitet den Regierungen zunehmend. Die eilig „heraufbeschworenen“ SicherheitsmaĂźnahmen lassen die User aber zunehmend die Haare raufen. Gut gemeint, aber schlecht gemacht. Foto: TS/Firefly
Schöne, neue Welt – aber erst einen Code eingeben
Früher brauchte man für den Einkauf einen Geldbeutel und ein bisschen Verstand. Heute braucht man vor allem eines: Geduld mit der „schönen neuen Welt“. Die verspricht Einfachheit – und liefert eine Zwei-Faktor-Frustration in Endlosschleife.
Wer ein Konto bei Amazon oder Ebay hat, kennt das Ritual: Man möchte nur schnell etwas nachschauen. Preis, Bestellung, Rechnung – nichts Dramatisches. Doch bevor sich irgendetwas öffnet, öffnen sich erst einmal Abgründe. Zuerst das Passwort, das selbstverständlich „aus Sicherheitsgründen“ vor drei Wochen geändert werden musste. Dann die Aufforderung: „Bestätigen Sie Ihre Identität.“ Also Handy raus, Authenticator-App suchen, die natürlich ausgeloggt ist. Neuer Code, neuer Login, neues Captcha. Und weil das noch nicht reicht, kommt hinterher die Sicherheitsmail: „Waren das wirklich Sie?“ Gute Frage, haha.
Die digitale Welt verspricht, alles sei nur einen Klick entfernt. In der Praxis ist alles höchstens einen Klick entfernt davon, endgültig genervt zu sein. Man fühlt sich nicht wie ein Kunde, sondern wie ein Einbrecher im eigenen Konto, der sich bei jedem Besuch neu rechtfertigen muss. Der Verdacht liegt nahe: Nicht wir sind das Sicherheitsrisiko – sondern die Systeme, die längst nicht mehr uns dienen, sondern sich selbst.
Natürlich, Sicherheit ist wichtig. Aber wenn die „userfreundliche“ Lösung darin besteht, dass ich beim Online-Einkauf mehr Codes eintippe als früher bei der Steuererklärung, läuft etwas schief. Vielleicht ist die echte Innovation der Zukunft ja ganz simpel: ein Zugang, der mich erkennt, ohne dass ich mich jedes Mal verdächtig machen muss.
Bis dahin bleibt uns nur, tapfer Codes abzutippen – und die schöne neue Welt zu bewundern. Aus sicherer Entfernung. Falls wir reinkommen.
Oder die User weltweit erinnern sich ihrer Bedeutung, grĂĽnden Communities und engagieren sich nicht nur auf Social-Media-Kanälen, sondern auch politisch und machen den Trumps & Co mal richtig „Dampf unterm Hintern“. Das Internet ist nicht allein zum Geld machen da. ZĂĽgellosigkeit fĂĽr Zuckerbergs, Bezos, Musks und Co fĂĽhrt definitiv ins Chaos. Und dann wĂĽnschen wir uns eines Tages, dass Noah mal wieder ein Schiff baut und wir eine Einladung bekommen.
Thomas Schnelle
Rolle / Position
Thomas Schnelle ist Dipl.-Medienpädagoge, Reporter, Fachwirt-Marketing und seit 1991 geschäftsführender Gesellschafter des Oker11 media house, einer Marke der Ideeal Werbeagentur und Verlag GmbH. Er ist seit 2019 Dozent für Marketing und Social Media